Unterschiedlichkeit
als Chance

Alle Kinder am Alltag teilhaben zu lassen und Unterschiede als Bereicherung erlebbar zu machen: So wird Inklusion beim privaten Kindergarten- und Hortträger KIWI – Kinder in Wien verstanden. Doch wie gelingt es, im oft turbulenten Alltag eine Kultur der Vielfalt zu leben, und welche Strukturen braucht es dafür?



Als zweitgrößter privater Kindergarten- und Hortträger in Wien ist Inklusion für uns mehr als ein Modewort. Wir sehen sie als tägliche Aufgabe für alle, die mit Kindern arbeiten.
Inklusion bedeutet weit mehr als die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen bzw. chronischen Erkrankungen. Gelebte Inklusion heißt, dass alle Kinder – unabhängig von Herkunft, Sprache, Fähigkeiten oder besonderen Bedürfnissen – Teil einer Gemeinschaft sind, gemeinsam lernen, sich erproben und in ihrer Entwicklung voneinander profitieren.
Bei KIWI wird dieses Verständnis seit über 75 Jahren gelebt. Kinder sollen in einem Klima der Achtsamkeit, Offenheit und Wertschätzung aufwachsen. Damit dies gelingt, wurden Strukturen entwickelt, die Partizipation ermöglichen und fördern: Altersgemischte Gruppen im Kindergarten und Hort lassen Kinder in unterschiedlichen Entwicklungsphasen voneinander lernen. Offenes Arbeiten wiederum gibt ihnen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wo und mit wem sie spielen möchten. So entstehen Räume, in denen Unterschiedlichkeit nicht nur akzeptiert, sondern als Bereicherung erlebt wird.
Um Standort-Teams bei der Umsetzung dieses Inklusions-Ansatzes zu helfen, gibt es bei KIWI ein umfassendes Unterstützungsnetzwerk: Jeder der sechs KIWI-Regionen steht eine Inklusionsexpertin und zusätzlich ein Team mobiler Inklusionspädagoginnen als „Hands-on“-Support zur Verfügung. Dieses Team erweitert das etablierte KIWI-Unterstützungsnetzwerk aus pädagogischen, (externen) kinderpsychologischen und bilingualen Fachberater*innen. Im Bedarfsfall stehen auch externe Anbieter aus dem Bereich Inklusion als Partner zur Verfügung.
Zusätzlich bieten wir Supervision und Fallbesprechungen im Team an, neue Mitarbeitende werden durch das KIWI-Onboarding-Programm unterstützt. Außerdem bietet die KIWI-Akademie ein breites Spektrum von Fortbildungsmöglichkeiten. Auf eine Kultur der Zusammenarbeit und des Teamspirits wird im Sinne der Handlungssicherheit aller Beteiligten größter Wert gelegt.

Möglichmacher*innen des Alltags

Doch Strukturen allein reichen nicht aus. Inklusion wird erst durch Menschen lebendig – durch Teams, die Brücken bauen, geduldig bleiben, Ideen ausprobieren und sich mit Empathie auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einlassen. Als „Möglichmacher*innen des Alltags“ bezeichnete KIWI-Kindergartenleiterin Barbara Blaseotto sie in einem Artikel für Ausgabe 22 des KIWI-Journals, unseres hauseigenen Fachmagazins (mehr Informationen zum KIWI-Journal am Ende dieses Beitrages).
In ihrem praxisorientierten Artikel erzählt Barbara Blaseotto etwa die Geschichte eines Kindes, das mit deutlicher Sprachverzögerung in den Kindergarten kam. Mithilfe von Piktogrammen und unterstützenden Gebärden gelang es dem Team, dem Kind neue Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen. Heute beteiligt es sich zunehmend an Gesprächen – und die ganze Gruppe hat gelernt, wie wertvoll Zuhören und Geduld sein können.
Ein Kind, bei dem eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wurde, reagierte besonders sensibel auf Geräusche und bestimmte Materialien. Eine individuell gestaltete Box mit vertrauten Gegenständen half ihm, den Alltag besser zu bewältigen. Auch die Gruppe profitierte: durch neue taktile Erfahrungen, durch Rücksichtnahme und durch ein erweitertes Verständnis von Gemeinsamkeit.
Und dann ist da ein Kind, das im Kindergarten kein Wort sprach. Ein „Sprechfreund“ fungierte als Sprachrohr, Gesten und Bildkarten unterstützten zusätzlich. Schritt für Schritt gelang es dem Kind, seine Stimme im Kindergarten zu finden. Für das Team war dies ein eindrucksvolles Beispiel, dass Kommunikation auf viele Arten stattfinden kann.

Herausforderungen annehmen, Lösungen entwickeln

Die Beispiele machen deutlich, dass Inklusion nicht durch Konzepte allein gelingt, sondern durch viele kleine, oft unscheinbare Schritte im Alltag. Sie erfordert Mut, Kreativität und die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Pädagogische Fachkräfte bzw. Teams müssen die eigene Haltung und ihre Beobachtungen reflektieren, Beziehungen aufbauen, Konflikte aushalten, flexibel reagieren. Ein wesentlicher Aspekt ist nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit den Eltern im Rahmen der „Bildungspartnerschaft“, auf die im KIWI-Journal Nr. 23 der Fokus gelegt wurde.
Trotz all dieser Bemühungen versteht sich: Inklusion stößt an Grenzen, wenn die bildungspolitischen Rahmenbedingungen sich nicht weiter verbessern. Kleinere Gruppen, ein besserer Fachkraft-Kind-Schlüssel und mehr spezialisiertes Personal sind dringend notwendig, damit Teilhabe aller möglich ist. Inklusion ist keine Aufgabe, die ausschließlich von Fachkräften und Träger*innen bewältigt werden kann – sie ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
Gleichzeitig beginnt sie immer bei uns selbst. In jedem freundlichen „Hallo“ am Morgen, in jedem gemeinsamen Spiel, in dem alle willkommen sind, in jedem Moment, in dem wir Vielfalt nicht nur tolerieren, sondern aktiv leben. Inklusion bedeutet, Unterschiedlichkeit als Chance zu begreifen – für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Sie macht unser Miteinander bunter, empathischer und nachhaltiger.

Unterschiedlichkeit

Gastbeitrag von KIWI

KIWI – Kinder in Wien ist ein privater Trägerverein, der an 91 Standorten in Wien Kindergärten und Horte betreibt. KIWI hat rund 1.700 Mitarbeiterinnen, die 8.000 Kinder im Alter von einem Jahr bis zehn Jahre auf ihrem Bildungsweg begleiten. Autorinnen dieses Beitrages sind Mag.a Gudrun Kern, pädagogische Leiterin und Geschäftsführerin, sowie Thomas-Peter Gerold-Siegl, MBA, wirtschaftlicher Leiter und Geschäftsführer von KIWI.
Die Vollversionen der KIWI-Journale „Inklusion – Vielfalt leben und fördern“ (Nr. 22, November 2024) und „Inklusion gelingt im Miteinander“ (Nr. 23, Juni 2025) können über office@kinderinwien.at bestellt werden. Die nächste Ausgabe erscheint im Dezember 2025 und befasst sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit im Kindergarten und Hort.
Wir bedanken uns herzlich bei unseren Journal-Autorinnen Barbara Blaseotto (Kindergartenleiterin und Inklusionspädagogin bei KIWI) und Mag.a Marianne Prenner (Pädagogische Mitarbeiterin und Inklusionspädagogin bei KIWI), die im KIWI-Journal Nr. 22 vertiefende Artikel zum Thema Inklusion verfasst haben.

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen