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Psychotherapeutin Mag. Sigrun Eder im #bildung-Interview zu ADHS


Was bedeutet ADHS eigentlich?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Es handelt sich dabei um eine entwicklungsneuropsychologische Störung, bei der die Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulsen und Aktivität anders funktioniert als bei Menschen ohne ADHS. Das äußert sich in Verhaltensproblemen und neuropsychologischen Auffälligkeiten. Ein Teil des Störungsspektrums hat mit unausgereiften Exekutivfunktionen zu tun.

Was versteht man unter „Exekutivfunktionen“?

Das ist ein Sammelbegriff für all jene Fähigkeiten des Gehirns, die zielgerichtetes Handeln ermöglichen. Die Kernkomponenten sind Inhibition, Arbeitsgedächtnis und Flexibilität:

  • Inhibition beschreibt die Fähigkeit zur Reaktionskontrolle, einem Impuls trotz Reiz zu widerstehen.
  • Arbeitsgedächtnis umfasst die Fähigkeit, sich Informationen zu merken, während eine komplexe Aufgabe gelöst wird, z.B. Zwischenergebnisse beim Kopfrechnen merken.
  • Flexibilität stellt die Fähigkeit dar, zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln und sich Planänderungen adäquat anzupassen.

Weltweit leben etwa 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS.
Es sind mehr Jungen als Mädchen betroffen, das Verhältnis liegt etwa bei 4:1.

Wie wirkt sich ADHS im Klassenzimmer aus?

Kinder mit ADHS sind häufig wie ein Wirbelwind: Sie bringen Unruhe in den Unterricht und ins Spiel. Als neurodivergente Schüler:innen können sie ihre Potenziale nicht ausschöpfen und scheitern primär an schulischen Verhaltens- und Leistungsanforderungen. Das frustriert Kinder wie Eltern gleichermaßen.

Neurodivergent bedeutet, dass ein Mensch anders denkt, fühlt oder Informationen verarbeitet als die meisten anderen. Dazu gehören zum Beispiel Menschen mit ADHS, Autismus oder Legasthenie. Der Begriff betont Vielfalt statt Defizit – dass es verschiedene Arten gibt, wie Gehirne funktionieren.

Woran erkennt man, ob ein Kind tatsächlich ADHS hat?

Das zeigt sich an drei typischen Symptomen, die in verschiedenen Situationen in der Schule und zu Hause auftreten. Eines dieser Symptome ist mangelnde Impulskontrolle. Kinder mit ADHS handeln meist sehr spontan und haben die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht im Blick. Es geht ihnen hauptsächlich um ihr momentanes Gefühl. Zudem halten sie Frustration schlechter aus als Kinder ohne ADHS. Die Fähigkeit zur Flexibilität ist (noch) nicht ausreichend entwickelt, weshalb sie Probleme mit kurzfristigen Planänderungen haben, zum Beispiel bei Supplierungen oder Schlecht- statt Schönwetterprogramm. Häufig sind auch emotionale Überreaktionen zu beobachten.
Ein weiteres Symptom ist fehlende Aufmerksamkeit und lückenhafte Konzentration. Kinder mit ADHS haben Probleme, ihre Aufmerksamkeit auf eine einzige Aufgabe zu fokussieren, vor allem bei für sie langweiligen Aufgaben. Sie lassen sich auch sehr schnell von Umgebungsgeräuschen ablenken. Allerdings vertiefen sie sich auch problemlos über längere Zeit in Tätigkeiten, die sie wirklich interessieren.

Neurodivergente Kinder hinken den Aufgabenanforderungen hinterher, weil sie sich mehrgliedrige Aufgabenstellungen nicht merken. Aufgrund ihrer meist negativen Schulerfahrungen ist ihr Selbstwert gering und sehr verletzlich.

Das dritte typische Symptom ist motorische Unruhe. Kindern mit ADHS fällt es schwer, sich ruhig zu verhalten, still zu sitzen. Herumzappeln und „lästig sein“ bringt sie in häufigen Konflikt mit ihren Lehrer:innen und Mitschüler:innen.

Welche typischen Probleme schildern Ihnen Kinder mit ADHS und deren Eltern in Ihrer Praxis?

ADHS bewirkt jede Menge Frust und Streit innerhalb der Familie, und das meistens wegen der Schule. Denn das Schulsystem und ein herkömmlicher Unterricht sind auf neurotypische und nicht auf neurodivergente Kinder ausgerichtet.
Kindern mit ADHS wird häufig ein „Nicht-Wollen“ unterstellt. Aufgrund ihres Verhaltens werden sie oft als „schwierig“, „anstrengend“ oder „schwer führbar“ etikettiert. Solche Zuschreibungen reduzieren ihre Persönlichkeit auf problematische Verhaltensweisen und bringen sie rasch in die Rolle eines Sündenbocks. Dies wiederum generiert neue belastende und teilweise traumatische Erfahrungen. Erlebte Ungerechtigkeiten frustrieren Kinder mit ADHS enorm. Deswegen ist es bei Streitigkeiten auch besonders wichtig, die Konfliktparteien und das Geschehen genau und fair zu eruieren.
Eltern wiederum werden oft Erziehungsfehler vorgeworfen. Solche Zuschreibungen führen dazu, dass die Interaktionen zwischen Lehrkräften und Eltern von persönlichen Kränkungen belastet sind. Ein derartiges Klima aus Verletzungen und Missverständnissen erschwert eine vertrauensvolle Kooperation im Sinne des Kindes. Und damit auch ein positives, produktives Klima im Klassenzimmer nicht nur für ADHS-Kinder, sondern für alle Schüler:innen.

Gibt es einfach umsetzbare Maßnahmen, mit denen Pädagog:innen neurodivergente Kinder mit ADHS besser erreichen bzw. in den Unterricht einbinden können?

Ja, es gibt eine Reihe einfacher und wirkungsvoller Maßnahmen. Eine davon ist die Einbindung regelmäßiger Bewegungseinheiten. Bewegung hilft, überschüssige Energie abzubauen und die Konzentration zu fördern.

Neurodivergente Kinder hinken den Aufgabenanforderungen hinterher, weil sie sich mehrgliedrige Aufgabenstellungen nicht merken. Aufgrund ihrer meist negativen Schulerfahrungen ist ihr Selbstwert gering und sehr verletzlich.

Ebenso wichtig ist es, Ablenkungen zu reduzieren – einerseits durch den Einsatz übersichtlicher Materialien, andererseits durch die Verringerung äußerer Einflüsse.
Kinder mit ADHS können Reize nicht filtern. Ein vorbeifliegender Vogel lenkt sie ebenso ab wie ein sich aufdrängender Gedanke, das Niesen des Sitznachbarn oder ein lautes Motorengeräusch. Nachdem Kinder mit ADHS Schwierigkeiten im Zeitmanagement und in der Priorisierung von Aufgaben haben, sollten Arbeitsaufträge kurz und eindeutig sein. Und sie sollten optimalerweise sowohl akustisch als auch visuell vermittelt werden, damit die Kinder sie besser erfassen können.

Betroffene Schüler:innen lassen außerdem häufig die für die Erledigung der Hausaufgaben nötigen Bücher und Hefte in der Schule liegen oder vergessen, wichtige Informationen zu notieren. Klare Anweisungen zum Einpacken relevanter Materialien und die Hinterlegung von Hausübungen und Prüfungs- bzw. Schularbeitsstoff in WebUntis sind daher eine wertvolle Hilfestellung für Zuhause. Nicht zuletzt sollte generell ein Klima der positiven Bestärkung geschaffen werden. Erfolge zu betonen motiviert mehr als Fehler hervorzuheben.
All diese Anpassungen erleichtern nicht nur Kindern mit ADHS das Lernen, sondern schaffen für die gesamte Klasse eine ruhigere und klarere Lernatmosphäre.

Mag.a Sigrun Eder ist Klinische Psychologin und Psychotherapeutin an der Universitätsklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie Salzburg, Gesundheitspsychologin sowie Begründerin und Hauptautorin der SOWAS-Sachbuchreihe für Kinder und Jugendliche bei der edition riedenburg.

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