Mehrsprachig aufwachsen?
Wie Kleinkinder davon profitieren können

Viele Kinder in Österreich wachsen in einem Umfeld auf, das von mehr als einer Sprache geprägt ist. Sie hören und sprechen zu Hause eine andere Sprache als im Kindergarten oder in der Schule, oder sie leben in Familien, in denen mehrere Sprachen gepflegt werden.
Wie wirkt sich dieses Aufwachsen mit mehreren Sprachen auf die Entwicklung von Kindern aus? Wo liegen Möglichkeiten und Gefahren?
Unsere Muttersprache erwerben wir auf Basis von Immersion. Das heißt, dass wir sie erleben und erfahren. Wir verstehen sie aus den Anwendungszusammenhängen heraus. Sie ist das Werkzeug, dessen sich die Bezugspersonen rund um uns bedienen.
Spracherwerb über Immersion funktioniert demgemäß allerdings nur mit ausreichendem sprachlichem Input. Das heißt, dass Kinder mehrere Stunden täglich von der zu erlernenden Sprache umgeben sein sollten, um sich den Inhalt des Gesagten aus dem Zusammenhang erschließen zu können.
Von der Erstsprache zur Zweitsprache
Der Erwerb der Zweitsprache baut immer auf den Grundlagen der Erstsprachbeherrschung auf. Das bedeutet, dass eine altersgemäße Beherrschung der Erstsprache Voraussetzung dafür ist, eine Zweitsprache zu erlernen.
Laut Bildungsminister wird ab spätestens 2027 das zweite verpflichtende Kindergartenjahr eingeführt,
um einerseits die Deutschkenntnisse der Kinder zu verbessern und
andererseits die Integration zu fördern.
Ebenso wie beim Erstsprachenerwerb brauchen die Kinder ausreichend Möglichkeit, um die Zweitsprache in konkreten Situationen und Anwendungszusammenhängen zu erleben.
Welche Sprache/n sollte also im Kindergarten gesprochen werden?
Der Lernfortschritt beim Spracherwerb hängt von der Menge des sprachlichen Inputs ab, der geboten wird. Je mehr Input die Kinder erhalten, umso schneller lernen sie.
Mehrsprachige Kinder haben meistens eine Sprache, in der sie abhängig von der sozialen Umgebung mehr kommunizieren: in vielen Fällen jene der Eltern.
Zur Förderung der Zweitsprache macht es allerdings keinen Sinn, Kindern die Nutzung ihrer Erstsprache zu verbieten. Kinder lernen dann am besten, wenn Sprache Teil eines lebendigen, emotional positiven Miteinanders ist. Wichtig ist nicht der Druck oder Zwang, Deutsch zu sprechen, sondern die Freude daran, sich mitzuteilen, verstanden zu werden und dazuzugehören.
Daher sollte man Anreize für die Nutzung der Zweitsprache liefern, zum Beispiel durch Rituale, wie Begrüßungslieder oder Gesprächsrunden, durch Sprachspiele, Abzählreime und einfache Rollenspiele, mit Bilderbüchern, Geschichtezeiten und Erzähltheater.
Je mehr Situationen und positive Anreize die Kinder erleben, um die Zweitsprache einzusetzen, umso häufiger und selbstverständlicher nutzen sie diese auch. Und sie lernen besonders gut auch voneinander: Gemischte Spielgruppen fördern die Sprachverwendung im natürlichen Austausch.
Damit Kleinkinder die Grundlagen ihrer Erstsprache erlernen,
sollten Eltern mit ihnen in der Sprache sprechen,
in der sie sich und ihre Emotionen am besten ausdrücken können.
Ein wildes Sprachdurcheinander?
Kinder verstehen schon früh, dass sie mehrere Sprachen verwenden. Das gibt ihnen in der Phase des Spracherwerbs auch besondere Möglichkeiten: Fehlt ihnen in der einen Sprache ein Begriff, nutzen sie einfach den dafür passenden aus der anderen Sprache. Der Fachbegriff dafür ist „Code-Switching“ oder „Mixing“.
Dieses Vermischen von Sprachen ist nicht besorgniserregend, sondern zeigt ganz im Gegenteil, dass das Kind dazu in der Lage ist, seine Sprachfertigkeiten sprachübergreifend anzuwenden und für die Aufrechterhaltung des sprachlichen Austausches einzusetzen.
In solchen Fällen sollte man ebenso wie bei Satzstellungs- oder Fallfehlern den Satz einfach in richtiger Form wiederholen und zum Beispiel mit einer ergänzenden Frage versehen.
Mit jedem Wort, das die Kinder lernen, nimmt die Häufigkeit von Code-Switching ab.
Sprachvielfalt im Kindergarten
Dass wir eine gemeinsame Verkehrssprache brauchen, um miteinander kommunizieren zu können, steht außer Frage.
Kompetenzgewinn dank Mehrsprachigkeit
Kinder, die schon früh zwischen zwei Sprachen umschalten, trainieren und stärken damit Gehirnbereiche, die für die Steuerung wichtiger Systeme zuständig sind: u.a. für Konzentration, Impulskontrolle, Konfliktlösung oder Empathie. Im Erwachsenenalter zeichnen sie sich oft auch durch ein besseres Verständnis für globale Zusammenhänge und andere Kulturen aus.
Ebenso wie die Tatsache, dass alle Kinder in Österreich mit Abschluss des Kindergartens zur Wahrung ihrer Chancengleichheit Deutsch beherrschen sollten.
Bei allen Herausforderungen, die die Mehrsprachigkeit in den Kindergärten bringt, sollten wir aber nie vergessen, dass Kinder mit anderer Muttersprache Deutsch nur dann wirklich beherrschen lernen, wenn sie auch ihre Erstsprache beherrschen. Und wenn sie sich in einer Umgebung bewegen, in der sie sich mit ihrer Erstsprache auch akzeptiert und dazugehörig fühlen.
Nur wer in seiner Erstsprache sicher ist, kann andere Sprachen erlernen. Nur wer sich mit seiner Erstsprache angenommen fühlt, wird die Zweitsprache mit Freude sprechen.
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