IMMER
erreichbar?


Die Nachricht kommt abends um 19:43 Uhr: „Entschuldigen Sie die späte Störung, ich wollte nur kurz fragen, ob Max morgen den Test nachschreiben darf …“
Oder ein Anruf am Sonntag: „Es ist dringend – können Sie bitte sofort zurückrufen?“
Was früher selten vorkam, ist heute für viele Pädagog:innen Alltag. Dank Smartphones, Messenger und sozialen Medien hat sich die Kommunikation zwischen Schule und Eltern radikal verändert, und damit auch die Frage, wann eigentlich der Arbeitstag und damit die Erreichbarkeit einer Lehrkraft endet.

Zwischen Service und Selbstausbeutung

Mit der zunehmenden Digitalisierung des Schulalltags haben sich Kommunikationswege vervielfacht. Eine Nachricht von Eltern, die noch schnell eine Rückmeldung wollen. Eine Mail, die „nur kurz“ beantwortet werden soll. Die
Arbeit von Lehrkräften hört längst nicht auf, wenn der Stundenplan endet, die Schularbeiten korrigiert sind und die Unterlagen für den nächsten Tag vorbereitet sind.
Eltern und auch Kolleg:innen nutzen den Abend, um offene schulische Agenden zu klären.
Für Lehrkräfte entsteht so ein permanenter Erwartungsdruck. Viele empfinden es selbst als unhöflich oder unkollegial, auf berufliche Anfragen nicht umgehend einzugehen, „nur“ weil diese sie außerhalb der Arbeitszeiten erreichen. Ergebnis ist, dass die Grenze zwischen Beruf und Privatleben zusehends verschwimmt.

Anliegen von Eltern und Kolleg:innen sind oft berechtigt: Sie wollen das Beste für ihr Kind bzw. ein besseres Gelingen des Schulalltages. Genau deshalb ist es wichtig, verlässliche Kommunikationswege zu schaffen, statt reaktiv auf jedem Kanal ansprechbar zu sein.
Gute Kommunikation heißt nicht, dass man immer verfügbar sein muss, sondern dass man zu gewissen, klar kommunizierten Zeiten verlässlich erreichbar ist und dann auch professionell kommuniziert.
Klare Abgrenzung ist keine Unhöflichkeit, sie signalisiert auch kein Desinteresse. Klare Abgrenzung ist professionelle Selbstfürsorge.
Wer nie abschaltet und immer erreichbar ist, riskiert auf Dauer Erschöpfung und Unzufriedenheit. Denn digitale Dauerpräsenz ist ein schleichender Stressfaktor mit teils schwerwiegenden Folgen. Wer sich und anderen keine klaren zeitlichen Grenzen setzt, läuft Gefahr, in einen Zustand ständiger Anspannung bis hin zum Burn-out zu geraten.
Erholung nach dem Arbeitstag ist Voraussetzung dafür, um langfristig gesund, motiviert, empathisch und professionell seiner Arbeit nachgehen zu können.
Viele Schulleitungen und Bildungsdirektionen empfehlen daher auch, dienstliche Kommunikation klar zu strukturieren, z.B. durch feste Telefonsprechzeiten oder die Redukation der Kommunikationswege auf dienstliche E-Mail oder Schulplattformen.

Klare Grenzen sind von Vorteil für alle

Schulen sind Orte intensiver Beziehung – zu Schüler:innen, Eltern und Kolleg:innen. Beziehungskompetenz braucht
allerdings auch Erholungsräume. Als Lehrkraft hat man nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, die eigene berufliche Erreichbarkeit klar zu gestalten. Davon profitieren am Ende alle: man selbst, die Schüler:innen und Eltern, die eine ausgeglichene, konzentrierte Pädagogin erleben, und auch die Kolleg:innen, die mit einem motivierten Lehrer zusammenarbeiten.
Eingeschränkte Kommunikationszeiten sind kein Egoismus, sondern ein Akt professioneller Achtsamkeit: Nur wer sich abgrenzt und Pausen auch ernst nimmt, kann langfristig gesund bleiben, im Kontakt mit Schüler:innen, Eltern und Kolleg:innen präsent und empathisch agieren sowie motiviert und erfolgreich seinem Beruf nachgehen.

5 Praxistipps für eine klare Abgrenzung

  1. Kommunikationszeiten festlegen und bekanntgeben
    Kommunizieren Sie klar und eindeutig, wann Sie über welchen Kanal erreichbar sind, z.B.: „Ich bin telefonisch erreichbar am Dienstag zwischen 15 und 16 Uhr. In dringenden Fällen schreiben Sie bitte eine E-Mail an muster@muster.at – ich melde mich so rasch wie möglich, spätestens am darauffolgenden Werktag bis 16 Uhr.“ Ergänzen Sie diese Zeiten auch in Ihrer E-Mail-Signatur oder auf der Schulplattform. So wissen alle, wie und wann Sie erreichbar sind, und Sie müssen sich nicht bei jedem Kontaktversuch außerhalb dieser Zeiten rechtfertigen.
  2. Berufliches und Privates technisch trennen
    Nutzen Sie wenn möglich getrennte Geräte bzw. Benutzerkonten. Das erleichtert die Abgrenzung.
  3. Benachrichtigungen deaktivieren
    Seien Sie konsequent und schalten Sie Push-Nachrichten außerhalb Ihrer Kommunikationszeiten aus. So bestimmen Sie, wann Sie sich mit schulischen Themen beschäftigen, und werden nicht fremdbestimmt.
  4. Schulinterne Regelungen treffen
    Besprechen Sie im Kollegium, wie mit digitaler Erreichbarkeit umgegangen wird. Einheitliche Regeln erleichtern die Kommunikation und Durchsetzung von Kommunikationsregeln.
  5. Selbst an die Regeln halten
    Erlauben Sie sich, nicht erreichbar zu sein. Wenn Sie außerhalb Ihrer Kommunikationszeiten einen beruflichen Anruf entgegennehmen oder Nachrichten verschicken, signalisieren Sie, dass diese nicht gelten. Wenn Ihnen das Abschalten und Nicht-erreichbar-Sein schwer fällt, können Sie versuchen, ein Feierabendritual einzuführen, z.B. eine kurze Reflexion des Arbeitstages mit abschließenden Atemübungen. Mit ein wenig Geduld akzeptiert Ihr Gehirn dieses Ritual als Signal dafür, dass die Arbeit vorbei ist und dem entspannten Aus- und Abschalten steht endlich nichts mehr im Wege.

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