
Männer im
Kindergarten
Zwischen Berufung,
Barrieren und der Chance
auf echte Vielfalt
Windeln wechseln, trösten, zuhören, spielen, lachen – die Arbeit in der Elementarpädagogik ist herausfordernd, vielseitig und gesellschaftlich enorm wichtig. Trotzdem ist der Beruf in Österreich weiterhin fast ausschließlich weiblich geprägt: Der Männeranteil liegt abhängig vom Auswertungsmodus nur bei 2 bis 5 %. Damit liegen wir im europäischen Vergleich am unteren Ende.
Männliche Bezugspersonen als wichtige Vorbilder
Kinder brauchen Bezugspersonen, die ihnen Zuwendung, Sicherheit, Impulse und Orientierung geben. Und sie brauchen Vielfalt. Sie profitieren von unterschiedlichen Sichtweisen, Umgangsformen und Stärken – und das unabhängig vom Geschlecht.
Und doch ist es ein Gewinn, wenn Kinder schon in der Krippe und im Kindergarten geschlechtergerechte Rollenbilder abseits herkömmlicher Rollenklischees erleben. Ein Mann im Betreuungsteam kann stereotype Vorstellungen über
„typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ ins Wanken bringen bzw. gar nicht erst aufkommen lassen.
Die Kinder erleben, dass Fürsorge, Aufmerksamkeit und Beziehungsgestaltung nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Sie erleben, dass Männer genauso trösten, zuhören, gestalten oder Konflikte lösen wie Frauen – auf ihre persönliche, individuelle Weise. Dadurch erweitern sich die kindlichen Vorstellungen davon, was Männer und Frauen „tun“ oder „sein“ dürfen – sie gewinnen ein neues Rollenverständnis.
Gemischte Teams tragen dazu bei, dass Kinder früh lernen, Menschen nicht nach Geschlecht und althergebrachten Rollenbildern, sondern nach Haltung, Verhalten und Persönlichkeit wahrzunehmen. Diese Vielfalt im pädagogischen Alltag stärkt soziale Kompetenz, Empathie und Offenheit und legt den Grundstein für geschlechtergerechte Sozialisation und ein gleichberechtigtes Miteinander. Durch das Erleben beider Geschlechter werden die Kinder darin unterstützt, ihre eigenen Potenziale unabhängig von ihrem Geschlecht zu erkennen und zu entfalten.
Elternarbeit: Vertrauen aufbauen & Sicherheit für alle schaffen
Eltern, die zum ersten Mal erleben, dass ihr Kind von einem männlichen Pädagogen betreut wird, reagieren mitunter zurückhaltend, vor allem bei Kindern unter drei Jahren.
Hier hilft Offenheit und Transparenz. Ein freundliches Gespräch beim Bringen oder Abholen, kurze Einblicke in den Tagesablauf und eine klare, ruhige Kommunikation schaffen Sicherheit und Vertrauen. Wenn Eltern erleben, dass ihr Kind sich wohlfühlt, lacht, lernt und sich geborgen fühlt, löst sich anfängliche Skepsis meist rasch auf. Entscheidend ist eine wertschätzende, transparente Haltung, die deutlich macht: Hier steht das Kind im Mittelpunkt – und das Betreuungsteam arbeitet gemeinsam dafür, dass es ihm gut geht.
Vor allem im sensiblen Umgang mit Nähe und Distanz stehen männliche Pädagogen häufig unter besonderer Beobachtung. Umso wichtiger sind eine offene Gesprächskultur im Team und klare Leitlinien zu den Themen professioneller Körperkontakt und Beziehungsgestaltung. Teams, die Transparenz, Reflexion und gegenseitige Unterstützung leben, schaffen nicht nur Sicherheit für die Kinder, sondern auch für die Pädagogen selbst – und stärken damit auch das Vertrauen der Eltern.
Was es dringend braucht …
Viele junge Männer kommen nach wie vor gar nicht auf die Idee, den Beruf des Elementarpädagogen zu wählen – nicht, weil sie ihn nicht wollen, sondern weil er als Möglichkeit für sie nicht wirklich sichtbar ist. Hier braucht es noch offensivere Kommunikation der Trägerorganisationen und noch mehr Sichtbarkeit von Männern im Beruf.
Was alle Geschlechter betrifft und trifft, sind die schwierigen Arbeitsbedingungen von Elementarpädagog:innen. Hier ist dringend mehr Wertschätzung für den Beruf an sich gefragt, die sich in strukturellen Verbesserungen niederschlagen muss: in fairer Entlohnung, einem ausreichenden Betreuungsschlüssel und attraktiven Aufstiegsmöglichkeiten. Davon profitieren am Ende alle: Frauen wie Männer und natürlich auch die Kinder.
Ein Beruf für Menschen, nicht für Geschlechter
Was der Elementarpädagogik aktuell fehlt, sind noch viel mehr Menschen mit Herz, Hirn und Haltung, die Kindern auf Augenhöhe begegnen und deren Entwicklung empathisch begleiten.
Pädagogische Teams, in denen unterschiedliche Geschlechter, Lebenswege und Perspektiven vertreten sind, eröffnen Kindern noch mehr Möglichkeiten und Chancen. Sie zeigen, dass Bildung, Beziehung und Fürsorge keine Frage des Geschlechts sind, sondern der Haltung.
Impulsfragen für Betreuungsteams
- Wie gehen wir mit stereotypen Rollenbildern um?
- Welche Vorteile hätte ein vielfältigeres Team für unsere Kinder?
- Wie sichtbar ist unser Beruf für Schüler und junge Männer?
- Welche Gedanken kommen mir in den Kopf, wenn ein Mann sich bei uns bewirbt?
- Welche Chancen, aber auch Herausforderungen sehe ich in mehr Männern im Betreuungsteam?
- Für gemischte Teams: Gibt es bei uns Rollenverteilungen, die (unbewusst) geschlechtlich geprägt sind?
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