WERTE

AM KIPPPUNKT?

Globalisierung, Digitalisierung und Migration haben die Lebenswelten in Österreich über die vergangenen Jahrzehnte deutlich verändert. Weltweit leben wir aktuell in einer Zeit, die von Krisen, Kriegen und Unsicherheit geprägt ist.
In dieser Gemengelage sind Begriffe wie „Freiheit“, „Gleichberechtigung“ oder auch „Demokratie“ in der öffentlichen Debatte zwar omnipräsent, Einigkeit über deren Bedeutung herrscht allerdings selten.
Vor diesem Hintergrund und daraus resultierenden Herausforderungen für unser demokratisches Zusammenleben wird immer wieder lautstark mehr Wertebildung in Kindergärten und Schulen gefordert.

Zu Beginn: eine Klarstellung

Nein, wir werden in weiterer Folge nicht erklären, dass Wertebildung keine einmalige Unterrichtseinheit sein kann, dass sie mehr braucht als Schlagwörter in hübschen bunten Lettern, nämlich Beziehung, Reflexion, Zeit und nicht zuletzt auch Ressourcen.
Wer sollte das besser wissen als Pädagog:innen, die im Gruppenraum oder Klassenzimmer täglich aufs Neue ihrem Beruf nachgehen und dabei versuchen, ihrer Berufung nicht verlustig zu gehen.
Und nein, wir werden auch nicht versuchen, Pädagog:innen zu erklären, wie sie Wertebildung in Kindergarten und Schule am besten umsetzen können. Zu diesem Thema haben sich schon viel Berufenere Gedanken gemacht und durchaus auch Sinnhaftes zu Papier gebracht.
Unsere Aufmerksamkeit gilt heute grundsätzlichen Fragen zum aktuellen Wertediskurs.

Wertebildung ohne Wertekonsens?

Schule ist nicht wertefrei und Werte sind nicht neutral. Sie spiegeln das wider, was eine Gesellschaft als gut, gerecht oder wünschenswert erachtet.
Aber was, wenn eine Gesellschaft sich nicht einig ist, wofür sie eigentlich gemeinsam kämpfen möchte, wofür es sich zu kämpfen lohnt?

Kritische Stimmen beklagen, dass Über-40-Jährige noch in einem Österreich groß geworden wären, in dem es über alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen hinweg eine Art stiller Übereinkunft über grundsätzliche Werte und Haltungen gegeben habe.
Ganz im Gegensatz zu heute, wo sich die Zivilgesellschaft gern an Banalitäten aufreibe und daran immer mehr zersplitte und weiter auseinanderdrifte, während weite Teile der Politik mehr oder weniger viel politisches Kleingeld daran „verdienen“ würden, diese Entwicklung durch Polarisierung noch weiter zu befeuern.

© Firefly – mit KI generiert

Da gerät der Werte-Begriff schnell in Gefahr, zum laut proklamierten und für sich reklamierten Werkzeug im täglichen politischen Kleinkrieg zu werden und darüber seinen Status als wesentliches gesellschaftliches Übereinkommen, als Grundlage unseres friedlichen Zusammenlebens zu verlieren.
Das wäre allerdings tatsächlich eine Gefahr für unsere Demokratie. Denn Pluralität, Multipolarität und davon ausgehend auch zahlreiche innere Konflikte sind zwar typische Kennzeichen einer demokratischen Gesellschaft, allerdings auch Offenheit, Toleranz, Diskursfähigkeit und Konsenswilligkeit.

Wenn Werte plötzlich nicht mehr etwas sind, das uns als Gesellschaft über alle Eigeninteressen hinweg verbindet, sondern mit dem wir uns voneinander abgrenzen, drohen nicht nur unsere Werte zu kippen, sondern unsere Gesellschaft.

Werte: dauerhafte Anlage?

Die Lebenswelten in Österreich haben sich verändert: Wir sind pluraler und diverser geworden. Unterschiedlichste weltanschauliche, kulturelle und religiöse Hintergründe sind nicht nur Bereicherung für eine Gesellschaft, sie bringen auch große Herausforderungen mit sich.

Werte sind heute nicht mehr von einer dominanten Kultur oder Religion getragen. In einem pluralen, oft auch widersprüchlichen Umfeld müssen sie und auch ihre Prioritäten immer wieder neu ausgehandelt und auch neu vermittelt werden. Das ist Demokratie. Und erfordert Vertrauen,
Beteiligung und Bildung.

Eine gemeinsame Werteübereinkunft kann nur in einem
offenen, pluralen Dialog entstehen, in dem unterschiedlichen Lebensrealitäten und Überzeugungen Raum gegeben und zugehört wird, in dem Differenzen zugelassen und Brücken gebaut werden, in dem aber auch gemeinsame Prioritäten eindeutig festgelegt und klar kommuniziert werden.

Gemeinsame Werte basieren nicht auf übereinstimmenden Meinungen, sondern auf gemeinsam getragenen Prinzipien. Sie werden nicht verordnet, um Vielfalt einzuschränken oder Einheit zu erzwingen, sondern ermöglichen gesellschaft-
lichen Zusammenhalt.


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