Wenn die
vertraute Welt
wankt …


Eine Trennung der Eltern gehört zu den einschneidendsten Erlebnissen im Leben eines Kindes. Auch wenn Erwachsene versuchen, die Veränderungen so behutsam wie möglich zu gestalten: Für Kinder gerät ihre vertraute Welt aus den Fugen.

Wie Kinder auf dieses innere und äußere Aus-der-Balance-Geraten reagieren, ist sehr unterschiedlich: Manche ziehen sich zurück und wirken stiller als sonst, andere sind auffällig aktiv, leicht reizbar oder auch besonders anhänglich.
Für Pädagog:innen sind solche Trennungssituationen im ohnehin anspruchsvollen Berufsalltag eine große Herausforderung. Gleichzeitig haben sie als vertraute Bezugspersonen aber auch die Chance, Kinder durch diese sensible Phase zu begleiten, ihnen Sicherheit zu geben und dabei zu helfen, ihre Gefühle zu verstehen und auszudrücken.

Was geht bei Trennung der Eltern in Kleinkindern vor?

Kinder im Vorschulalter können die Komplexität einer Trennung noch nicht einordnen und sind der Situation und ihren Emotionen hilflos ausgeliefert. Häufig fühlen sie sich mitschuldig oder haben Angst, auch noch den zu Hause gebliebenen Elternteil zu verlieren. Sie fühlen sich hilflos oder missverstanden. Besonders die Jüngeren können all ihre Sorgen und Ängste auch noch nicht ansatzweise adäquat in Worte fassen. Sie zeigen sie über ihr Verhalten und ihre Körperreaktionen.
Manche Kinder sind stiller als sonst, andere weinen wieder häufiger beim In-den-Kindergarten-Bringen oder klammern sich an vertraute Bezugspersonen. Einige ziehen sich zurück, klagen über Kopf- oder Bauchweh, andere werden schnell wütend, teils auch aggressiv. Hinter all diesen Verhaltensweisen steckt weder ein Entwicklungsrückschritt, noch Ungezogenheit. Sie sind einfach nur der verzweifelte kindliche Versuch, mit der schwierigen Situation zurechtzukommen.

Wie gut ein Kind die neue Familiensituation bewältigt, hängt stark davon ab, wie viel Verständnis, Zeit und Zuwendung es erfährt: Zu Hause und im Kindergarten. Kinder müssen auf die Trennung reagieren dürfen: Tränen, Wut, Rückzug oder auch Anhänglichkeit sind gesunde und notwendige Ausdrucksformen. Sie helfen, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden und sollten daher nicht unterdrückt oder bewertet werden.
Wenn Kinder das Gefühl haben, dass ihre Gefühle Raum haben dürfen, erleben sie sich als handlungsfähig und nicht als ausgeliefert. So können sie Schritt für Schritt lernen, mit der neuen Situation umzugehen, auch wenn sie an dieser per se nichts ändern können.

Was Pädagog:innen jetzt tun können

Jedes Kind erlebt eine Trennung anders. Klare Strukturen, die Vermittlung emotionaler Sicherheit, Empathie und
Geduld sind die wichtigsten Schlüssel, um Kinder durch die schwierige Trennungsphase zu begleiten.

  • Verlässlichkeit vermitteln.
    Kinder brauchen in dieser Zeit besonders stabile Strukturen. Rituale, wie die vertraute Begrüßung oder der gewohnte Morgenkreis, und vertraute Bezugspersonen geben Sicherheit und Orientierung, auch wenn zu Hause kein Stein mehr auf dem anderen liegt.
  • Raum für Nähe und Rückzug bieten.
    Manche Kinder brauchen in dieser Phase mehr Körperkontakt, andere wollen lieber allein sein. Wichtig ist, beides zu ermöglichen: Ein Kuscheltier, eine Kuschelecke oder zwischendurch auch ein In-den-Arm-genommen-Werden sind wichtige Ankerpunkte im so verwirrenden und beängstigenden neuen Alltag eines Trennungskindes
  • Gefühle benennen und zulassen.
    Kleine Kinder sind oft noch nicht in der Lage, zu sagen, was in ihnen vorgeht. Pädagog:innen können helfen, indem sie Gefühle in Worte fassen: „Du bist heute sehr still – vielleicht bist du traurig, weil Mama dich heute nicht gebracht hat?“ Auch Gefühlskarten können dabei unterstützen, dass Kinder lernen, ihre Emotionen zu verstehen und auszudrücken.
  • Bücher und Geschichten nutzen.
    Bilderbücher über Trennung, Gefühle und neue Familienformen helfen, das Unsagbare anzusprechen und zu verarbeiten. Sie bieten Gesprächsanlässe und zeigen den Kindern außerdem, dass andere Kinder Ähnliches erleben. Und sie vermitteln Hoffnung und Perspektive.
  • Das Thema im Spiel aufgreifen.
    Kinder verarbeiten ihre Erlebnisse im Spiel. Wenn sie Familienkonflikte nachspielen oder Figuren sich „trennen“ lassen, ist das Ausdruck ihrer inneren Arbeit. Pädagog:innen können das beobachten und vorsichtig begleiten, sollten aber nicht eingreifen oder werten.
  • Neutral bleiben.
    Pädagog:innen sollten im Gespräch mit dem Kind neutral bleiben und für keinen der Elternteile Stellung beziehen. Nur so kann der Kindergarten ein sicherer Ort bleiben, an dem betroffene Kinder nicht zwischen den Eltern stehen.

Zusammenarbeit mit Eltern – Balanceakt zwischen Sensibilität und Klarheit

Offene Gespräche mit den Elternteilen helfen, die Gesamtsituation besser einschätzen und dem Kind damit auch noch hilfreicher zur Seite stehen zu können. Bei diesen Gesprächen geht es nicht darum, Partei zu ergreifen, das sollte ganz im Gegenteil jedenfalls vermieden werden. Es geht um das gemeinsame Ziel, das Kind während dieser schwierigen Zeit so gut wie möglich stützen zu können.
Eltern in Trennungssituationen sind oft am Limit und emotional erschöpft. Sie kämpfen mit Schuldgefühlen, Stress, rechtlichen und organisatorischen Fragen. Für Pädagog:innen bedeutet das: Geduld und Fingerspitzengefühl beweisen, aber auch klare Grenzen ziehen.
Für einen vertrauensvollen Einstieg ins Elterngespräch hilft es, Verständnis signalisierend die Perspektive des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür eignet sich zum Beispiel folgender Ansatz:
„Wir merken, dass Helena in letzter Zeit häufig sehr traurig ist. Uns ist wichtig, sie gut zu unterstützen. Wie können wir gemeinsam helfen, dass sie sich wieder sicher fühlt?“
Solche Formulierungen vermeiden Schuldzuweisungen und öffnen den Dialog.

Unterstützung in Anspruch nehmen

Kinder in Trennungssituationen zu begleiten, ist emotional fordernd. Und auch Pädagog:innen sind „nur“ Menschen und reagieren emotional, wenn sie miterleben, wie Kinder regelrecht den Boden unter den Füßeb verlieren und leiden.
Der Austausch im Team oder Supervision helfen, diese Belastungen zu teilen und konstruktiv zu reflektieren. Denn nur wer selbst stabil bleibt, kann Kindern in Krisen Stabilität geben.
Kinder können Trennungen bewältigen, wenn sie dabei nicht allein gelassen werden. Elementarpädagog:innen sind stabile Bezugspersonen, die zuhören und Halt geben. Mit Achtsamkeit, Offenheit und Geduld schaffen sie einen sicheren Raum, in dem die Kinder spüren, dass sie gesehen und verstanden werden und aufgehoben und sicher sind, auch wenn sich noch so vieles rund um sie ändert.
Wenn Kinder im Kindergarten erleben, dass Beziehungen auch in schwierigen Zeiten halten und Sicherheit geben, lernen sie in dieser noch so schwierigen Situation zutiefst Wertvolles: Vertrauen in andere und in sich selbst.

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